» über SoKoS
» Aktuelles
» Forschung
» Literatur
» TV & Radio
» Internet
» Film
» Fotografie
» Ausstellung
» Biografie
» Kalendarium
» Pläne & Karten

<zurück

Forschung > Kurze Geschichte des Sonderkommando Auschwitz

 

Kurze Geschichte

 

Die jüdischen Sonderkommandos im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau 1942-1945:

Im größten nationalsozialistischen Konzentrationslager Auschwitz- Birkenau begann Anfang Mai 1942 die systematische Massenvernichtung der europäischen Juden. Der grausame technisierte Mordprozess war ein arbeitsteiliger Vorgang, der von SS-Angehörigen durchgeführt wurde, die dafür mit Sonderrationen, Sonderurlaub und Beförderung honoriert wurden.

Zur restlosen Spurenbeseitigung der Verbrechen und zur Bedienung der Verbrennungsanlagen setzte die SS jedoch Häftlinge zur Zwangsarbeit ein, die meist kurz nach ihrer Einlieferung völlig ahnungslos im Lager ausgesondert und von anderen Lagerinsassen isolierte wurden. Aus pragmatischen und ideologischen Gründen wählte die SS zu diesem Zweck Juden aus, da sie die überwiegende Mehrheit der Häftlingszugänge stellten. Überdies konnten sie auf diese Weise von der SS in deren Vorstellung als Untermenschen entwürdigt und erniedrigt werden. Im Sinne einer totalen Vernichtung sollte ihrer physischen Tötung ein leidvoller Seelenmord vorausgehen.
Die in der Vernichtungsmaschinerie unfreiwillig eingesetzten jüdischen Arbeitskommandos nannte die SS euphemistisch „Sonderkommandos“. Im Laufe der Jahre wurden diese Todeskommandos mit Privilegien ausgestattet, die sowohl die Facharbeitskraft erhalten als auch den Durchhaltewillen der Verzweifelten für die peinigende und unmenschliche Leichenarbeit fördern sollten.
Durch diese Privilegierung erreichte die Lagerführung eine zusätzliche moralische Separierung der Sonderkommandos von den übrigen Häftlingen, indem sie den Anschein der Kollaboration erweckte. Tatsächlich hatten die unglücklichen und missbrauchten Sonderkommando-Häftlinge jedoch keine Wahl. Wer sich der infamen Zwangsarbeit verweigerte oder als arbeitsunfähig betrachtet wurde, den ermordete die SS erbarmungslos.

Von Mai 1942 bis Januar 1945 wurden in den Sonderkommandos von Auschwitz-Birkenau insgesamt etwa 2200 Häftlinge zur Zwangsarbeit herangezogen. Die Kommandostärke hing von der Arbeitskapazität und der Vernichtungspolitik der Lagerführung ab und bewegte sich zwischen 100 und 874 Häftlingen. Der Häftlingsstand im Sonderkommando lag im Mai 1942 durchschnittlich bei 200 Häftlingen, stieg im Juli auf 300 und im September 1942 auf 400 Mann. Am 9. Dezember wurde das Sonderkommando zum ersten und einzigen Mal vollständig liquidiert. 1943 stieg das neu einberufene Arbeitskommando im März von 300 Häftlingen auf 400 Mann. Am 24. Februar 1944 wurde das Kommando zur Hälfte liquidiert aber bereits im Mai auf eine Stärke von 300 Mann erhöht. Zwei Wochen später erreichte es im Rahmen der sogenannten Ungarn-Aktion – der Vernichtung von schätzungsweise 350.000 Juden aus den ungarischen Territorien, seinen höchsten Stand von 874 Häftlingen. Drei weitere Liquidierungen am 23. September, 7. Oktober und 26. November 1944 reduzierten das Kommando auf seinen niedrigsten Stand von 100 Mann.

Als sogenannte Geheimnisträger wurden die Augenzeugen des Völkermords von der SS zum Tode verurteilt und im Rahmen von Vergeltungsmaßnahmen und nach der Beendigung von größeren Vernichtungsaktionen in insgesamt fünf Etappen liquidiert. Grundsätzlich sollten die Sonderkommando-Häftlinge jedoch bis zuletzt als eingearbeitete Facharbeiter am Leben gehalten werden, daher fand letztlich nur eine vollständige Liquidierungsaktion am 9. Dezember 1942 statt.

Zunächst wurden jüdische Arbeitsgruppen im Krematorium des Stammlagers Auschwitz als Heizer und Aufräumkommando sowie in Leichenbergungs- und Begrabungskommandos bei den provisorischen Gaskammern in Birkenau eingesetzt.
Als im Sommer 1942 die zahlreichen Birkenauer Massengräber einen unerträglichen Gestank verbreiteten und das Grundwasser verseuchten, setzte die Lagerführung Ende September ein jüdisches Exhumierungs- und Verbrennungskommando zur Verwischung der Spuren ein. Halbverweste Leichenreste wurden zuerst auf Scheiterhaufen verbrannt, später wurden frische Leichen nur noch in Verbrennungsgruben eingeäschert.
Im März 1943 begann die schrittweise Umwandlung der bis dahin unter freiem Himmel arbeitenden Sonderkommandos in vier Birkenauer Krematoriumskommandos. Mit der Errichtung von vier modernen Krematoriums- und Vergasungsanlagen wurde das ursprünglich für Kriegsgefangene geplante Lager Auschwitz-Birkenau im Sommer 1943 zur größten Mordfabrik und zum Zentrum des nationalsozialistischen Judenmords.

Die unglückseligen Häftlinge dieser Arbeitskommandos wurden von ihren Peinigern dazu gezwungen, die zur Ermordung bestimmten Menschen zu empfangen und zu beruhigen, Gebrechliche in die Gaskammern zu tragen sowie für einen raschen Auskleidungsprozess und Gang in die Gaskammern zu sorgen. Nach der Ermordung mussten sie die Gaskammern leeren und reinigen, die Leichen der Opfer in allen Körperöffnungen auf Wertsachen untersuchen, deren langes Kopfhaar abschneiden, das Schnitthaar für die industrielle Verwertung reinigen, Goldzähne ausreißen, Prothesen abzunehmen, die Körper in den Krematoriumsöfen oder Verbrennungsgruben einäschern, die Knochenreste zerschlagen und die Asche verstreuen. In den Entkleidungsräumen mussten sie die verbliebene Habe der Opfer einsammeln und zum Weitertransport vorbereiten. Bei Erschießungsaktionen auf dem Krematoriumsgelände mussten sie die Opfer ablenken und festhalten.

Die Ausweglosigkeit und die erschreckende Hilflosigkeit in der Extremsituation
lähmte meist jeglichen Widerstand der traumatisierten Häftlinge und führte zum Einsetzen eines radikalen Überlebenstriebs.
Aber nicht nur der Kontakt zu den Toten war traumatisierend. Auch die Begegnung mit den kurz vor ihrer Ermordung stehenden Opfern, darunter nicht selten Bekannte und Verwandte, sowie die Schuldzuweisungen und Kollaborationsvorwürfe einiger Opfer verstärkten noch ihr moralisches Dilemma und ihre seelischen Qualen. Die Häftlinge befanden sich in einem psychischen Ausnahmezustand, der von Selbstverachtung und Selbstvorwürfen bestimmt war.

Als einzigen Augenzeugen, die im Zentrum der Vernichtung eingesetzt wurden, waren sie die Letzten, die mit den Opfern noch kurz vor deren Ermordung in Kontakt kamen.
Daher wurden auch aus Gründen der Verständigung zu Beginn von größeren Mordaktionen stets Häftlinge in das Sonderkommando eingewiesen, die aus den Herkunftsländern der Opfer stammten. Die zwischen 16 und 54 Jahre alten Männer stammten aus insgesamt 18 Nationen, mehrheitlich aus Polen, der Slowakei, Frankreich, Holland, Griechenland und Ungarn und verständigten sich in 11 verschiedenen Sprachen. Die größte, 450 Mann starke Gruppe stammte aus den von Ungarn annektierten Gebieten. Die unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründe der internationalen Häftlingsgemeinschaft verhinderten jedoch eine allgemeine Solidarität, obwohl die meisten Sonderkommando-Häftlinge zunächst das gleiche Schicksal teilten. Bis auf 19 sowjetische Kriegsgefangene, 6 Polen und drei reichsdeutsche Gefangene waren alle Sonderkommando-Häftlinge Juden.

Bis zum Frühjahr 1943 war die Sterblichkeit im Sonderkommando, das seine schwere körperliche Zwangsarbeit unter dem Terror der SS bei jedem Wetter im Freien, ohne ausreichende Versorgung mit Wasser und Nahrungsmitteln sowie ohne die Nutzungsmöglichkeit von Sanitäranlagen verrichten musste, besonders hoch. Infolge der hohen Krankenrate unter den Häftlingen kam es zu regelmäßigen Selektionen der geschwächten und kranken Sonderkommando-Häftlinge, die im Krankenbau des Stammlagers Auschwitz durch Phenol-Injektionen ermordet wurden.
Mit der Inbetriebnahme der vier neuen Krematorien in Birkenau zwischen März und Juni 1943 verbesserten sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Sonderkommandos jedoch entscheidend.

Mit der Überstellung und Unterbringung der Sonderkommando-Häftlinge in die Krematoriumsgebäude und der Zunahme von Vernichtungstransporten seit Mai 1944 trat schließlich eine enorme Verbesserung der Versorgung mit Lebensmitteln, Kleidung und Bedarfsartikeln, die direkt aus den Auskleideräumen organisiert wurden, ein.
Durch den Zugang zu großen Mengen an Wertsachen entwickelten sich auch Finanzierungsmöglichkeiten für Aktivitäten wie Lagerflucht oder Bestechung von SS-Wachen, ohne die konspirative Kooperationen mit der Außenwelt kaum möglich geworden wären. Bemerkenswerterweise teilten Sonderkommando-Häftlinge ihren „Reichtum“ mit notleidenden Häftlingen anderer Arbeitskommandos, sie unterstützten Gefangene mit Nahrungsmitteln, Zigaretten und Bekleidung sowie den Krankenbau mit Medikamenten. Zahlreiche Fluchten gefährdeter Mitglieder der internationalen Widerstandsorganisation wurden durch das Sonderkommando finanziert.

Vor dem Hintergrund der verbesserten Lebensumstände und Arbeitsbedingungen entwickelte sich im Zeitraum zwischen Herbst 1943 und Oktober 1944 somit ein Handlungsraum, in dem organisierte Widerstandsaktivitäten, die auf einen bewaffneten Häftlingsaufstand abzielten, geplant und durchgeführt werden konnten.
In einer verzweifelten Revolte versuchten sich Sonderkommando-Häftlinge am 7. Oktober 1944 schließlich an ihren Peinigern zu rächen und die Vernichtungsanlagen zu zerstören. Obwohl dieses beispiellose Ereignis in einem Blutbad endete, ging es zu Recht als einziger bewaffneter Häftlingsaufstand in die Geschichte von Auschwitz-Birkenau ein. Den Aufständischen gelang es, das als Unterkunft dienende Krematorium III zu beschädigen sowie drei SS-Unterscharführer zu töten und vermutlich 12 weitere SS-Angehörige zu verwunden. Von den zu diesem Zeitpunkt 661 eingesetzten Sonderkommando-Häftlingen wurden 451 Mann während des Aufstands ermordet.

Als Ende Oktober 1944 die Auschwitzer Gaskammern zum letzten Mal benutzt wurden, waren bereits 1,1 Millionen Menschen in der Todesfabrik Auschwitz ermordet worden. Das Sonderkommando stand nun vor seiner vollständigen Liquidierung, doch gelang es den letzten 100 Überlebenden am 18. Januar 1945 im Chaos der Lagerauflösung aus ihrer Isolierbaracke im Männerlager auszubrechen und sich unter die anderen Häftlinge in die Evakuierungskolonnen zu mischen. Auf dem Todesmarsch in das Konzentrationslager Mauthausen gelang 10 Häftlingen die Flucht, für alle anderen begann eine Odyssee durch weitere Lager, die einige nicht mehr überlebten. Nur wenige Tage vor Ihrer Befreiung starben mindestens 6 Sonderkommando-Häftlinge. Insgesamt überlebten einschließlich ehemaliger Häftlinge aus den frühen Sonderkommandos schätzungsweise 110 Mann das Kriegsende.
Sechzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz lebten weltweit noch 18 ehemalige Sonderkommando-Häftlinge, die meisten von ihnen in Israel und den USA. In Europa leben nur noch jeweils ein Augenzeuge in Polen, Italien und in Deutschland.

Hinweis:

Vorliegender Beitrag erschien in einer gekürzten Version am 20. Januar 2005 in dem Filmheft zum US-Spielfilm „Die Grauzone“:

André, Berhard und Andreas Kilian: Filmheft Die Grauzone. Hg. vom Institut für Kino und Filmkultur im Auftrag der Bundeszentrale für Politische Bildung, Köln 2005.

Das Heft ist über folgende Adresse zu beziehen:

Institut für Kino und Filmkultur e.V.
Frau Verena Sauvage
Mauritiussteinweg 86-88
50676 Köln
Telefon: +49 (0221) 397 48 50
Telefax: +49 (0221) 397 48 65
E-Mail: info@film-kultur.de
Internet: http://www.film-kultur.de

oder kostenfrei über folgenden Link als PDF downloadbar:

http://www.film-kultur.de/filme/die_grauzone.html

Der Autor dankt dem Institut für Kino und Filmkultur e.V. für die freundliche Genehmigung, den Text auf www.sonderkommando-studien.de präsentieren zu können.

(Letzte Änderung: 31.01.2005)

nach oben