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Biografie > Shlomo Dragon

 

Shlomo Dragon - ein Nachruf

Shlomo Dragon

(1922 – 2001)

Ein Nachruf von Dr. Gideon Greif

Eines Tages im Oktober 2001 erhielt ich einen sehr traurigen Anruf von Fr. Simcha Dragon, der Ehefrau von Abraham Dragon. Die Nachricht, die ich von ihr erhielt, traf mich völlig unvorbereitet. Ich erfuhr vom Tod von Abrahams Bruder, Shlomo. Ich war schockiert, da mir ständig von der Familie erzählt wurde, dass Shlomo nur eine leichte Krankheit hätte und sich wieder erholen würde. Später sagte man mir, dass das die Methode der Familie Dragon gewesen sei, Shlomos Krankheit zu verschleiern, um zu verhindern, dass er es weiss. Ich war mir ganz sicher, dass er sich wieder erholen würde – schließlich kann ein Mann, den Auschwitz nicht zerstören konnte, nicht einfach so durch eine dumme Krankheit sterben! Aber ich wurde schwer enttäuscht. Als Shlomo verstarb, fühlte ich, dass ein Stück Geschichte ausgelöscht wurde.

Shlomo Dragon, Gideon Greif, Simcha und Abraham Dragon (von links nach rechts), Ramat Gan 1995.
Shlomo Dragon wurde im Jahr 1922 in Zeromin, Polen, in einer Stadt 100 km nordwestlich von Warschau, geboren.
Seine Eltern hießen Daniel und Malka (geborene Beckermann). Shlomo war gezwungen im Alter von 13 Jahren die Schule zu beenden und musste gemeinsam mit seinen Eltern, die Schneider und Schuhmacher waren, arbeiten.
Als der Krieg ausbrach wurden Shlomo und Abraham zur Sklavenarbeit rekrutiert und später nach Nowy Dwor und schließlich ins Ghetto von Warschau deportiert. Dort blieben sie etwa ein Jahr lang. Bereits im Warschauer Ghetto konnte Shlomo seinen einzigartigen Mut unter Beweis stellen: Er war gemeinsam mit seinem Bruder Abraham aktiv im Schmuggeln von Nahrung für die hungrigen Juden im Ghetto, was eine sehr gefährliche Tätigkeit war. Sie brachten Nahrung ins Ghetto, die sie in den umliegenden Dörfern gekauft hatten. Eines Tages wurde Shlomo verhaftet und zur Gestapo gebracht. Er wurde geschlagen und gefoltert, aber es gelang ihm zu überleben und zwei Tage später wurde er wieder freigelassen. Die Brüder beschlossen das Ghetto zu verlassen und gingen nach Plonsk. Es gelang ihnen sogar, ihre Mutter, ihre kleine Schwester und ihren kleinen Bruder Nach Plonsk zu bringen. Ihr Vater war bereits krank und konnte das Warschauer Ghetto nicht verlassen. Später kamen er und die kleine Schwester ums Leben. Der kleine Bruder war vorerst in einem Waisenhaus und dann im Plonsker Ghetto untergebracht, von wo er mit 400 anderen jüdischen Kindern 1942 nach Auschwitz deportiert wurde.
Abraham und Shlomo gingen vom Plonsker Ghetto in die umliegenden Dörfer um dort zu arbeiten.
Nachdem sie gehört hatten, dass die Juden in den “Osten” deportiert würden, beschlossen sie, alle anderen Juden zu begleiten. Zuerst brachten die Deutschen die Juden ins Ghetto Mlawa, von wo am 5. Dezember 1942 der erste Transport abging, der zwei Tage später, in der Nacht vom 6.auf den 7. Dezember 1942, in Auschwitz ankam. Einige Tage später wurden sie für das neue Sonderkommando “selektiert”, das das alte Sonderkommando am Tage von dessen Ermordung ersetzte. Shlomo erhielt die Häftlingsnummer 80359 und sein Bruder Abraham die Nummer 80360.

Shlomo Dragon während eines Besuchs im Museum Auschwitz, 1993
Zuerst arbeiteten sie in den provisorischen Gaskammern, den sogenannten “Bunkern” in Birkenau, später im Krematoriums-Gebäude Nr. IV in Birkenau. Während Abraham die meiste Zeit die Kleidung der ermordeten Juden sortierte, war Shlomo in verschiedenen Aufgabenbereichen, wie dem Herausziehen der Leichen aus den Gaskammern, dem Verbrennen der Körper und – gemeinsam mit Abraham – der Reinigung der Sonderkommando-Baracken eingesetzt. Sie waren jedoch nicht das einzige Brüderpaar im Sonderkommando. Es gab mindestens zehn weitere Brüder wie sie. Aber die Dragons überlebten neben den Gebrüdern Weinkranz die längste Zeit im Sonderkommando. Sie stärkten und ermutigten sich gegenseitig, arbeiteten und litten gemeinsam. Sie waren vor ihrer Ankunft nach Auschwitz verschieden, mussten aber gemeinsam bestehen und überleben.

Shlomo Dragon war ein außergewöhnlicher Mensch, auch unter seinen Kollegen im Sonderkommando. Zuallererst war seine körperliche Statur sehr eindrucksvoll – er war sehr stark, gross, schlank und sehr athletisch, auch noch als älterer Herr. Wer ihn sah, musste alle bekannten Vorstellungen von den Juden in der Diaspora aufgeben, da Shlomo die Antithese zu dem schwachen, passiven und ängstlichen Juden war. Shlomo Dragon war dagegen tapfer, mutig, stolz und bestimmend. Auf diese Weise verhielt er sich auch als Mitglied im Sonderkommando. Ich hatte immer den Eindruck, dass Shlomo der Anführer war, obwohl Abraham der ältere Bruder ist. Shlomos Persönlichkeit war viel stärker, viel zäher. Shlomo war der Anführer, Abraham der Geführte. Shlomo war der Praktiker, der Mann von Welt. Sein Bruder Abraham war die gesamte Zeit während des Holocaust mit ihm zusammen.
Diese Brüder waren ein perfektes Paar und sie waren völlig verschieden: Alles was Shlomo war, war Abraham nicht.

Abraham und Shlomo Dragon (von links nach rechts) vor dem Denkmal auf dem Versammlungsplatz im Frankfurter DP-Lager Zeilsheim, 1947. Vor ihrer Auswanderung nach Israel arbeiteten die Dragon-Brüder mehrere Jahre im Frankfurter Bahnhofsviertel als Schmuckhändler.
Shlomo war genau der Mensch, der niemals seine Hoffnungen und seinen Optimismus im Krematorium verlieren würde. Als Kämpfer im Geist verlor er nie seinen Mut und seinen Willen zum Leben. Er war bestimmt nicht eines der Mitglieder des Sonderkommandos, die zu „Robotern“ oder „lebenden Maschinen“ wurden.
Ich traf Shlomo und seinen Bruder zum ersten Mal in den späten achtziger Jahren. Shlomo machte sofort einen starken Eindruck auf mich: er war selbstbewusst, gesprächig, extrovertiert, also das genaue Gegenteil von seinem Bruder. Shlomo war immer begierig darauf, mir alles über das Sonderkommando im Detail zu erklären. Er wusste tatsächlich sehr viel, da er, gemeinsam mit seinem Bruder, beinahe alle möglichen Aufgaben im Krematoriumsgebäude gemacht hatte: Das Reinigen der Baracken der Sonderkommando-Häftlinge, das Herausziehen der Leichen aus den Gaskammern, das Verbrennen der Leichen, das Schütten der Asche in den Fluss, und andere Aufgaben. In all unseren zahlreichen Interviews war er dominant und übernahm immer die Führung im Gespräch. Wohingegen Abraham still und schüchtern war. Shlomo war dagegen laut, präsent, aktiv. Shlomo war zudem geistesgegenwärtig. Er war dazu imstande die Ereignisse zu ordnen – die Ereignisse ordneten nicht ihn.
Die Interviews stellten mir eine Person dar, die sogar in der Hölle von Auschwitz aktiv war, und keine, die aufgab und zusammenbrach. Shlomo hatte eine Persönlichkeit, die sogar die Deutschen nicht ignorieren konnten. Ich kann ihn mir vorstellen, wie er von den SS-Männern fast alles erreichen konnte was er wollte, für sich und für seinen Bruder.

Shlomo war der einzige Überlebende des Sonderkommandos, der ein Junggeselle blieb und keine Kinder hatte. In der Gruppe der Überlebenden der Sonderkommando-Häftlinge ist das eine außergewöhnliche Tatsache. Auch die Tatsache, dass er mit seinem Bruder Abraham und dessen Frau Simcha zusammenlebte, machte ihn einzigartig.

Im Jahr 1993 arbeitete ich an einem Dokumentarfilm über das Sonderkommando in Birkenau (unglücklicherweise aus finanziellen Gründen bis heute unvollendet). Shlomo, Abraham und Simcha waren unter den Überlebenden, die ich zu den Film-Dreharbeiten mitnahm.

Shaul Chasan, Jaacov Zylberberg, Eliezer Eisenschmidt, Dr. Franciszek Piper, Abraham und Shlomo Dragon (von links nach rechts) vor dem alten Krematorium in Auschwitz, 1993. Historiker des Auschwitz-Museums nutzten den einmaligen Besuch zur Befragung der Sonderkommando-Überlebenden und zur Dokumentation für das Archiv.

Ich machte die Interviews mit den Überlebenden genau an den Schauplätzen, an denen sie gearbeitet hatten und als Mitglieder des Sonderkommandos aktiv waren. Das war das Prinzip meines Films: die historischen Szenen exakt zu rekonstruieren. In den Szenen über historische Ereignisse war Shlomo sehr überzeugend. Er gab mir brillante Interviews und erkannte sofort alle Orte und Stellen wieder. Er hatte einen speziellen Charme, als er vor der Kamera stand. Er füllte den Bildrahmen mit der Stärke seiner Persönlichkeit aus. Als ich ihn darum bat, uns die Stelle, an der er die „Geheimen Handschriften“ der Sonderkommando-Häftlinge gefunden hatte, zu zeigen, zögerte er nicht eine Sekunde: Sofort ging er zu der Stelle, die nicht weit vom Eingang zum Gebäude des Krematoriums III lag, und zeigte der Kamera den Ort. Shlomo war der Erste, der diese Stelle im Februar 1945 ausfindig machte und die Sowjetische Untersuchungskommission, die nach Auschwitz gekommen war um die Verbrechen der Deutschen in Auschwitz zu untersuchen, mit diesem wichtigen historischen Material versorgte.

Henryk Tauber und Shlomo Dragon (von links nach rechts) mit Angehörigen der sowjetischen Untersuchungskommission vor der Desinfektionskammer des Kanada-Lagers I in Auschwitz, 1945. Im Vordergrund: 1,5kg Zyklon-B-Dosen.
Aus der Zeit, als ich in Birkenau filmte, erinnere ich mich lebendig an die folgende Episode:
Am zweiten Tag der Aufnahmen kam ich mit der Crew zu dem „Roten Häuschen“, der früheren primitiven Vergasungsanlage. Dort traf ich Prof. Marcello Pecetti, einen italienischen Historiker. Marcello kam zu uns und begann mit mir über verschiedene Angelegenheiten betreffend des Sonderkommandos zu sprechen. Plötzlich erwähnte er den Namen Shlomo Dragon. Als ich das hört, war ich mir sicher, dass er Shlomo in der Nähe bemerkt hätte. Aber dann sprach er von Shlomo wie über eine Person, die bereits vor langer Zeit gestorben ist und wollte wissen, wo er eine bestimmte Aussage von ihm aus dem Jahr 1945 finden konnte. Ich reagierte überrascht: „Sie können eine direkte Antwort auf ihre Frage von Shlomo, der hier ist und neben ihnen steht, bekommen“. Marcello wurde blass, ausserstande zu glauben, dass der historische Held vor ihm stand. Er zögerte einen Moment, bis er realisierte, dass ich keinen Witz gemacht hatte. Er ging dann langsam auf Shlomo zu und begann mit ihm zu sprechen. Vor kurzem habe ich mich mit Marcello in Birkenau wiedergetroffen, in der Nähe der Überreste des Krematoriumsgebäudes II, und er brachte diese Episode wieder in unsere Erinnerung.

Als ich das erste Mal von Shlomos Krankheit erfuhr, war ich mir ganz sicher, dass er sie überwinden und sich wieder erholen würde.

Unglücklicherweise war die Natur stärker als Shlomo. Als ich von seinem Tod hörte, sagte ich zu mir selbst: ein starkes Stück Geschichte ist für immer verloren gegangen. Nichtsdestotrotz, sein Kampf für das Leben, die persönliche Würde und die Würde seiner Kameraden im Sonderkommando wird niemals vergessen werden.


Dr. Gideon Greif

Anmerkungen:
Bildauswahl und Bildlegenden: Andreas Kilian
Foto 1: © A. Kilian 1995
Foto 2: APMO, Nr. neg. fot. 21464/1, 1947
Foto 3: APMO, Nr. neg. fot. 21399/1, 1993
Foto 4: APMO, Nr. neg. fot. 21766/1, 1993
Foto 5: Aufnahme der sowjetischen Untersuchungskommission in Auschwitz, 1945

Wir danken dem Autoren für die exklusive Erstellung des Nachrufs sowie für dessen Zustimmung zur Veröffentlichung auf www.sonderkommando-studien.de.

Ein ausführliches Interview mit Shlomo Dragon und seinem Bruder kann auszugsweise in dem Buch von Gideon Greif „Wir weinten tränenlos...“ nachgelesen werden (TB-Ausgabe: Frankfurt am Main 1999). Ein Protokoll von Shlomo Dragons frühen Erinnerungen, das von den polnischen Untersuchungsbehörden am 10., 11. und 17. Mai 1945 angefertigt wurde, ist in dem Buch „Die Zahl der Opfer von Auschwitz“ von Franciszek Piper (Oswiecim 1993) enthalten.
Es bleibt zu hoffen, dass die erwähnten eindrucks- und wertvollen Filmaufnahmen aus dem Jahre 1993 in naher Zukunft einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können und die emotionalen und physischen Strapazen der Dreharbeiten damit für die letzten Überlebenden eines Tages Ihren Zweck erfüllen werden.
Shlomo Dragon seligen Angedenkens wird allen, die die Ehre hatten, ihn persönlich kennen zu lernen, in ewiger Erinnerung bleiben. Für die Sonderkommando-Forschung ist er aufgrund der Dauer seiner Kommando-Zugehörigkeit, seiner Funktion im Sonderkommando und der Rolle in der Widerstandsgruppe im Sonderkommando bereits seit 1945 einer der wichtigsten Augenzeugen. Trotz seiner Bereitschaft, umfassend über seine Erlebnisse und die Ereignisse im Sonderkommando Zeugnis abzulegen, hat er viele Informationen und Erinnerungen aus unterschiedlichen Gründen mit ins Grab genommen. Zu Recht wiederholt Gideon Greif daher in seinem Nachruf das Bedauern, das ein Stück Geschichte für immer verloren gegangen sei.
Zudem sind Shlomo Dragons Aussagen vor der sowjetischen Untersuchungskommission und ein großer Teil seiner Fundsachen bedauerlicherweise bis in die Gegenwart verschollen geblieben. Das Auffinden dieser bedeutenden Quellen ist eine der wichtigsten Aufgaben in der Sonderkommando-Forschung.


Andreas Kilian

(Letzte Änderung: 05.06.2005)

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