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Biografie > Henryk Mandelbaum

 

Henryk Mandelbaum: Ein einfacher Mensch mit einem schweren Schicksal

von Andreas Kilian

Henryk Mandelbaum wurde 1922 im polnischen Olkusz (Ilkenau) als Sohn einer armen jüdischen Familie geboren. Der Vater arbeitete als Metzger und Henryk Mandelbaum musste bereits früh als ältestes Kind im Steinbruch und bei Bauern arbeiten, um die Familie ernähren zu können. Nach der Besetzung Polens durch die Deutschen wurde seine ostoberschlesische Heimatstadt 1939 in das Deutsche Reich einverleibt und Familie Mandelbaum im Rahmen der nationalsozialistischen Judenverfolgung 1941 in das offene Ghetto nach Dabrowa Gornicza (Dombrowa) umgesiedelt. Dort musste Henryk Mandelbaum als Maurer in einer deutschen Baufirma Zwangsarbeit leisten. Vor der Liquidierung des Ghettos in Dabrowa Gornicza wurde seine Familie Ende 1942 in das Ghetto nach Sosnowice (Sosnowitz) verlegt. Während der Umsiedlungsaktion flüchtete Henryk Mandelbaum und lebte unter falschem Namen in wechselnden Verstecken, bis er Ende März 1944 von einem volksdeutschen Bekannten in Bedzin (Bendsburg) erkannt und denunziert wurde. Während seine Eltern inzwischen in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden, wies ihn die Gestapo in das Gefängnis von Sosnowice ein. Nach einigen Wochen Gestapohaft wurde Mandelbaum am 22. April 1944 mit einem Gefangenentransport nach Auschwitz überstellt, wo ihm die Häftlingsnummer 181 970 auf seinen linken Unterarm eintätowiert wurde. Auschwitz war zu diesem Zeitpunkt mit seinen vier modernen Krematorien und fünf Vergasungsanlagen das größte Konzentrations- und Vernichtungslager und Zentrum des nationalsozialistischen Judenmords.

Einige Wochen später wurde Henryk Mandelbaum aus der Quarantäne in das berüchtigte Sonderkommando eingewiesen, das in den Krematorien von Auschwitz-Birkenau die Ermordeten aus den Gaskammern zerren, ihre Körper in den Verbrennungsöfen und –gruben verschwinden lassen und deren Asche restlos beseitigen musste. Die Häftlinge des Sonderkommandos unterschieden sich von allen anderen Häftlingen im Lager, da sie als einzige im Zentrum der Vernichtung eingesetzt wurden und die letzten Zeugen waren, die die Opfer noch kurz vor ihrer Ermordung in den Auskleideräumen sahen. Dort mussten sie die Opfer beruhigen und den Gebrechlichen beim Entkleiden helfen, bevor sie Stunden später die Leichen der Opfer nach Wertsachen untersuchen, ihnen das Kopfhaar abschneiden und die Goldzähne ausreißen mussten. Auf dem Höhepunkt der Vernichtung, als täglich 10.000 aus Ungarn deportierte Juden vergast und verbrannt wurden, erhöhte die SS den Sonderkommandobestand um das Vierfache. Wegen seiner Körperkraft wurde Henryk Mandelbaum als Leichenschlepper in die Krematorien überstellt und musste die Toten in den Verbrennungsgruben einäschern.

Isoliert von Häftlingen anderer Arbeitskommandos musste Henryk Mandelbaum acht Monate lang das alltägliche Grauen systematischen Mordens miterleben.
„Das Herz ist einem doch geplatzt! Das waren doch gesunde Menschen, die unschuldig ins Gas gegangen sind. Ich sage Ihnen – das war die absolute Tragödie.“, erinnert sich Mandelbaum immer wieder fassungslos (Zitat aus: Eric Friedler, Barbara Siebert und Andreas Kilian: „Zeugen aus der Todeszone“, Lüneburg 2002, S. 150). Er zählt zu den wenigen Häftlingen aus den Auschwitzer Krematorien, der drei Liquidierungen und den legendären Sonderkommando-Aufstand überlebte. Als Augenzeugen der Vernichtung sollten die Sonderkommando-Häftlinge nach der Beendigung von Mordaktionen und im Rahmen von Strafmaßnahmen der SS selbst getötet werden. Der Häftlingsbestand des Sonderkommandos veränderte sich daher ständig: Ende Mai 1944 erreichte er mit 874 Häftlingen seinen höchsten, Ende November 1944 mit 100 Männern seinen niedrigsten Stand. In einem verzweifelten Häftlingsaufstand versuchten sich Sonderkommando-Häftlinge am 7. Oktober 1944 an ihren Peinigern zu rächen und die Vernichtungsanlagen zu zerstören. Die Revolte scheiterte und endete in einem Blutbad. Mandelbaum überlebte sie wie durch ein Wunder.

Als Ende Oktober 1944 die Auschwitzer Gaskammern zum letzten Mal benutzt wurden, waren bereits 1,1 Millionen Juden in Auschwitz ermordet worden. Das Sonderkommando erwartete nun seine vollständigen Liquidierung, doch gelang es den letzten Überlebenden, am 18. Januar 1945 aus ihrer Isolierbaracke auszubrechen und sich unter andere Häftlinge in die Evakuierungskolonnen des Lagers zu mischen. Auf dem Todesmarsch in das Konzentrationslager Mauthausen gelang Henryk Mandelbaum in Jastrzebie Zdroj schließlich die Flucht. Kurz nach der Befreiung Schlesiens durch die Rote Armee kehrte er nach Auschwitz zurück und trug als einer der ersten Überlebenden des Sonderkommandos vor einer sowjetischen Untersuchungskommission zur Aufklärung der nationalsozialistischen Verbrechen in Auschwitz bei.

 

Von insgesamt 2200 Sonderkommando-Häftlingen in Auschwitz-Birkenau überlebten nur etwa 110 Mann das Kriegsende. Mandelbaum gehört zu den nur 18 ehemaligen Sonderkommando-Häftlingen, die noch weltweit leben und ist einer der Wenigen, die heute noch die Kraft und Worte finden, über das Grauen in der Todesfabrik zu sprechen. Mandelbaum ist der einzige Sonderkommando-Überlebende, der seit seiner Befreiung über das Erlebte öffentlich berichtet hat und seinem Heimatland Polen die Treue gehalten hat. Vermutlich nur zwei Überlebende von ehemals 50 polnischen Sonderkommando-Überlebenden emigrierten nicht in das Ausland. Heute gehört Henryk Mandelbaum neben Shlomo Venezia zu den einzigen beiden Sonderkommando-Überlebenden, die interessierten Menschen auf dem ehemaligen Gelände der Krematorien und Vernichtungsanlagen von ihren Erinnerungen berichten. Von den insgesamt noch 18 lebenden ehemaligen Sonderkommando-Häftlingen sprechen heute nur noch 6 Männer überhaupt öffentlich über das Geschehene. Das seltene Glück, die Vernichtungsmaschinerie überlebt zu haben, nutzt der heute 82-jährige dazu, über die nationalsozialistischen Verbrechen aufzuklären und all jene Lügen zu strafen, die behaupten, in Auschwitz wäre niemand vergast worden.

Anmerkungen:

Eine Kurzfassung des Porträts findet sich im Leporello der Aufklärungs-Kampagne „Gegen das Vergessen“ von shoa.de. Weitere Informationen zur Plakat-Aktion von shoa.de erhalten Sie unter:
www.shoa.de

 

 

 

Fotos von Henryk Mandelbaum: © A.Kilian 1997, 2004
Abbildung 5: Privatbesitz Henryk Mandelbaum
Abbildungen 7 und 8: Pressefotos von shoa.de

www.sonderkommando-studien.de dankt der Redaktion von shoa.de, insbesondere Herrn Stefan Mannes, für die Kooperation und die Genehmigung zur Verwendung der Pressefotos.
Der Autor dankt Henryk Mandelbaum und seiner Frau für ihr 10-jähriges Vertrauen und die vielen gemeinsamen Gesprächs-Stunden.

(Letzte Änderung: 09.12.04)

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